Die Geschichte der Genossenschaften | de.xyannic.com

Die Genossenschaftsbewegung tritt als soziale Bewegung in England und auf dem europäischen Festland ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit neuen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen auf und ist als bedeutender Lösungsversuch derjenigen sozialen Problemen zu verstehen, die der frühe Kapitalismus aufwarf.

Robert Owen gilt als Begründer der ersten Genossenschaftsbewegung. 1799 begann er in seiner Baumwollspinnerei in New Lanark (Schottland) ein Experiment für menschenwürdigere Arbeits- und Lebensbedingungen. Dadurch angeregt, wurde die erste eigenständige Arbeiter-Genossenschaft 1844 in Nordengland von 28 Arbeitern der dortigen Baumwollspinnereien gegründet. Die Rochdale Society of Equitable Pioneers war eine Einkaufsgenossenschaft und sollte durch ihre größere Marktmacht niedrigere Preise garantieren.

Im deutschsprachigen Raum gründeten zwei Männer gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, die ersten Genossenschaften. 1847 rief Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Weyerbusch den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden ländlichen Bevölkerung ins Leben. Er gründete 1862 den „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“, der heute als erste Genossenschaft im Raiffeisen’schen Sinne gilt. Zur selben Zeit rief Hermann Schulze-Delitzsch in Delitzsch eine Hilfsaktion ins Leben, die den in Not geratenen Handwerkern zugutekam.


Robert Owen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Hermann Schulze-Delitzsch

Robert Owen wurde als jüngster Sohn von sieben Kindern eines Sattlers in der Handelsstadt Newtown geboren. Obwohl seine Familie relativ gut gestellt war, konnte Owen nur bis zum zehnten Lebensjahr eine Schule besuchen. Er arbeitete als Lehrling in einem Textiliengeschäft und siedelte sich später in Manchester an. Owen arbeitete sich bis zum Fabrikleiter in der Baumwollindustrie hinauf. Bereits früh beschäftigte er sich mit den sozialen Bedingungen der Industriearbeit und führte 1799 in seiner Baumwollspinnerei in New Lanark (Schottland) ein Experiment für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen durch. Er versuchte nachzuweisen, dass die Lohnsklaverei und Unterdrückung der Arbeiter keine Voraussetzung für eine effektive Produktion ist. Deshalb verkürzte er die Arbeitszeit auf 10,5 Stunden, gegenüber den damals üblichen 13 bis 14 Stunden in anderen Fabriken. Er richtete Kranken- und Altersrentenversicherungen ein, er ließ erträgliche Behausungen bauen und räumte Mietvergünstigungen ein. Die Güter des täglichen Bedarfs wurden zu niedrigen, aber rentablen Preisen gehandelt. Der Handel von Alkohol wurde auf dem Fabrikgelände eingeschränkt. Besonders viel tat Owen für die Kinder und verbot Kinderarbeit unter zehn Jahren.

Die Maßnahme zeigte auch für ihn große Erfolge: Die Produktivität in der Fabrik erhöhte sich drastisch, die Zahl der Diebstähle ging zurück, Bestrafungen innerhalb der Fabrik waren nicht mehr nötig. Die Erfolge waren auch auf das technische Geschick Owens zurückzuführen: in New Lanark wurden neue Produktionstechniken eingeführt, die die Konkurrenz noch nicht umsetzen konnte.

Die Fabrik wurde zum Musterbetrieb, den auch Fürsten und Politiker besuchten. Viele Ideen, die Owen in New Lanark hatte und umsetzte, sind heute in den Industrieländern selbstverständlich. Dazu zählen unter anderem: Abschaffung der Kinderarbeit, Schulbildung der Kinder, Arbeitszeitbeschränkung, effiziente Organisation der Betriebsabläufe, Motivation der Mitarbeiter, saubere Arbeitsplätze, Gewerkschaftsbildung, Genossenschaftswesen, etc.

Werke:

1813 A New View Of Society. Essays on the Formation of Human Character.
1841 Lectures on the Rational System of Society.
1844 The Book of the New Moral Society.
1849 The Revolution in the Mind and Practice of the Human Race.
1857 The Life of Robert Owen written by himself. The life of Robert Owen.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war der Sohn eines Landbürgermeisters als eines von neun Geschwistern. Er erhielt neben dem Unterricht der Volksschule auch Privatstunden  Raiffeisen wurde in einem guten, wohlbehüteten und religiösen Elternhaus groß.  Als 17-Jähriger musste er in die Offizierslaufbahn der preußischen Armee in Köln eintreten, da seine Familie zu arm war, ein Studium zu finanzieren. Er war deutlich geprägt von konservativ-christlichen Werten, die das Fundament seines sozialreformerischen Ansatzes bildeten. Obwohl Raiffeisen von damaligen Zeitgenossen keineswegs als Militarist, sondern eher als geistiger Mensch beschrieben wird, wurde er 1838 zum Unteroffizier befördert und zur Inspektionsschule nach Koblenz kommandiert, was damals als Auszeichnung galt. An jener Schule lernte er technisches Detailwissen, das ihm später als Bürgermeister beim Schul- und Wegebau sowie der Wiesendrainage hilfreich war. Später erkrankte er an einem Augenleiden, womit seine Pläne einer militärischen Karriere als Offizier unmöglich wurden. Sein Onkel verschaffte ihm eine Stelle in der zivilen preußischen Verwaltung.

Zwei seiner Schwerpunkte während seiner gesamten Tätigkeitszeit waren der Straßen- und Wegebau sowie das Schulwesen. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass „der beste Kampf gegen die Armut, eine gute Schulbildung ist“. Er hatte als Bürgermeister kleiner Gemeinden vor allem die Not der ländlichen Bevölkerung im Blick, viele Dörfer waren in der Frühphase der Industrialisierung wirtschaftlich abgehängt und verarmt. Um nachhaltig zu helfen, gründete sich auf Betreiben von Raiffeisen der Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte. Raiffeisen selbst bezeichnete diesen Abend später als Gründungsdatum des Genossenschaftsgedankens. Wichtig war ihm, dass jeder für den anderen Verantwortung übernahm. Raiffeisen bevorzugte daher kleine Einheiten: Jeder Darlehens- oder Kassenverein sollte nicht größer sein als ein Pfarrbezirk, wo die Akteure durch Kirche, Schule und Verwandtschaft untereinander gut bekannt und verbunden waren. 

Nach der Versetzung an einen größeren Ort mit höherem Verdienst und größerem Wirkungskreis betreibt Raiffeisen die Gründung des „Heddesdorfer Wohltätigkeitsvereins“, dem im Mai 1854 58 Mitglieder beitreten, und der am 22. Juli 1854 seine erste Generalversammlung abhält. Aus dem Wohltätigkeitsverein wurde durch Umgründung der „Heddesheimer Darlehenskassenverein“, der als erste Genossenschaftsbank nach unserem heutigen Verständnis gelten kann. 1870 existieren in der Rheinprovinz schon 75 Vereine, von denen Raiffeisen immer wieder als Berater und Referent angefragt wird. Gleichzeitig entwickelt er Ideen, wie sich die Vereine gegenseitig helfen können, wenn manche zu hohe Einlagen und andere zu hohen Kreditbedarf haben. Daraus entwickelt sich 1872 die Geldausgleichsstelle der rheinischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank und 1874 „Deutsche landwirtschaftliche Centralbank“

Werke:

1865 Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter